Ihre Beine

Es kam ihr so vor, als ob ihre Beine zu Einem zusammengewachsen waren, die Füße ebenso. Wie von einem  langen Reißverschluss zusammengezogen. Immerhin konnte sie gut stehen, fast so sicher wie ein Baumstamm. Es war ihr wichtig, nicht umgeschubst zu werden. Um sich fortzubewegen, baute sie sich einen Apparat. Ein Brett mit vier Rollen und einem Riemen. Dann stellte sie sich in die Mitte des Brettes, spannte den Riemen waagrecht über ihre Füße und sauste los. Treppen waren schwierig zu nehmen. Deshalb konnte sie niemanden mehr besuchen, der oberhalb des Erdgeschosses oder im Keller wohnte und keinen Fahrstuhl im Haus hatte. Die Tage waren zwar einsam, aber erträglich. Monate später wurde sie zu einem Konzert eingeladen. Sie überlegte nicht lange, zumal die Veranstaltung im Parterre war. Als sie im Parkett stand und die Musik hörte, spürte sie, daß sie den Takt mitwippte. Ehe sie sich versah, hatte sie den rechten Fuß nach rechts, den Linken nach links gestellt. Dann drehte sie sich im Kreis, lachte und sang mit. Als sie nach hause ging, hatte sie ihren Apparat im Musiksaal liegen lassen.